INTERVIEW
So frech war christlicher Humor noch nie – und alle lieben es
Unverschämt witzig, überraschend tiefgründig – Cards for Christianity ist das Spiel, das alle Grenzen sprengt. Perfekt für Spieleabende mit Freunden, bei denen niemand verschont bleibt. Was ist das Geheimnis dahinter?
Ein Interview mit Timo Stosius, dem Entwickler des Spiels · Lesezeit ca. 7 min

Timo, euer Spiel ging in den ersten Monaten direkt durch die Decke. Über 10.000 verkaufte Exemplare. Warum gerade dieses Spiel?
Ich glaube, weil es ein Thema aufgreift, das irgendwie alle betrifft, aber über das kaum jemand locker spricht: die Bibel. Für viele ist sie ein altes, komisches Buch. Manche lieben sie, manche lehnen sie ab. Die meisten haben irgendwie Respekt davor. Doch die wenigsten wissen, was für krasse Sachen da drin stehen.
Was ist dein persönlicher Bezug dazu?
Ich bin selbst in einer christlichen Familie aufgewachsen. Die Bibel war bei uns immer ein Thema – aber oft mit einer gewissen Schwere. Sobald man über Glauben redet, geht’s schnell um Regeln, Moral und Diskussionen. Das macht es schwer zugänglich. Mit dem Spiel wollte ich etwas schaffen, das Leichtigkeit und Freude reinbringt – und trotzdem ernst nimmt, worum es eigentlich geht.
Glaube und Humor verbinden – das ist die Idee des viralen Bibel-Spiels.
Wie kam die Idee konkret zustande?
Die erste Idee hatte ich mit einem Freund vor zwei Jahren. Wir waren bei seinen Eltern zuhause und an der Wand hing eine dieser Postkarten mit einem Bibelvers drauf. Wir dachten: Krass, wie manche Christen einfach Sätze aus der Bibel rauspicken und 1:1 auf heute übertragen – als wären das zeitlose Lebensregeln. Dabei wurden viele dieser Verse in einem ganz anderen Kontext geschrieben. Von anderen Spielen kannten wir das Prinzip mit Frage- und Antwort-Karten. Also haben wir überlegt: Was, wenn man das mal bewusst übertreibt? Und ein Spiel daraus macht – bei dem man nur mit Bibelversen antwortet, die aus dem Zusammenhang gerissen sind.
Du hast erzählt, es stecken auch persönliche Erfahrungen drin. Was meinst du damit?
Als ich 19 war, hatte ich eine Freundin und ich wusste, dass ihre Mutter wollte, dass wir möglichst schnell heiraten. Eines Tages lag ein Brief in meinem Briefkasten – ohne Absender. Nur ein Bibelvers: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. – 1. Mose 2,18". Das sollte wie eine göttliche Botschaft wirken. Ich war völlig überrumpelt und habe natürlich angenommen, dass die Mutter mich damit in eine bestimmte Richtung lenken wollte. Da habe ich zum ersten Mal wirklich gespürt, wie manipulativ Bibelzitate eingesetzt werden können.

Innerhalb weniger Monate wurden über 10.000 Exemplare verkauft.
Gab es auch noch drastischere Beispiele?
Manche Christen zitieren 3. Mose 18,22, um homosexuelle Menschen aus der Kirche auszuschließen. Dabei steht zwei Kapitel später, dass man ungehorsame Kinder öffentlich steinigen soll (5. Mose 21,21). Beides waren spezifische Anweisungen für das Volk Israel vor vielen Tausend Jahren – in einer ganz bestimmten Zeit und unter ganz bestimmten Umständen. Egal, wie man zu diesen Themen steht: Es zeigt, wie gefährlich es ist, wenn man für das heutige Leben einzelne Sätze aus der Bibel rauszuzieht, ohne das große Ganze anzuschauen.
Das klingt nach harter Bibelkritik – aber gleichzeitig sagst du, du seist gläubig?
Absolut. Ich würde mich selbst bis heute als sehr gläubig bezeichnen. Gerade deshalb glaube ich, dass man die Bibel respektvoll und kritisch zugleich lesen sollte. Es gibt ja auch viele schöne, ermutigende und inspirierende Prinzipien, die man zeitlos aus der Bibel herausnehmen kann – beispielsweise die Idee der Feindesliebe. Doch wer all das ernst nimmt, sollte sich auch für den kulturellen und historischen Kontext interessieren – und eben nicht einzelne Sätze beliebig zurechtlegen.
Ist das Spiel dann vor allem was für Christen und Bibel-Nerds?
Im Gegenteil. Ich bekomme fast täglich Nachrichten von Leuten, die sagen: „Wir haben Tränen gelacht.“ Manche schicken mir Fotos, wie sie das Spiel mit ihrer 90-jährigen Oma spielen. Andere erzählen, dass ihre Kinder zwischen 8 und 13 Jahren es entdeckt haben und nicht mehr aufhören wollten. Am meisten Spaß haben oft die Leute, die mit Glaube und Kirche eigentlich nichts am Hut haben. Zum Beispiel bei Sätzen wie “Saufgelage ist ausgeartet” (Hosea 4,18) hört man dann immer: “Was, sowas steht in der Bibel?”

Bei dem Spiel antwortet man mit Bibelzitaten auf alltägliche Situationen.
Wie funktioniert es konkret?
In jeder Runde liegt eine Fragekarte in der Mitte – z. B.: „Reaktion meiner Freunde, nachdem ich beim Friseur war:“ Jeder hat zehn mögliche Antwortkarten mit einem Bibelzitat auf der Hand und legt die Karte, die am lustigsten auf die Frage passt. Da könnte zum Beispiel drauf stehen “Geh und schlaf erstmal deinen Rausch aus” (1. Samuel 1,14) oder “Der Priester soll den Kranken untersuchen” (3. Mose 13,43). Eine Person – der „Kartenbischof“ – liest alle Kombinationen laut vor. Die witzigste Antwort bekommt einen Punkt und wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt.
Wie kam das Spiel in der christlichen Szene an?
Was mich selbst überrascht: Das Spiel wird von allen Seiten gefeiert. Konservative Jugendgruppen nutzen es als unterhaltsamen Einstieg in die Bibelarbeit. Progressive Christen und Religionskritiker sagen, es hilft, die religiösen Texte gesund einzuordnen.
Einige der größten Namen der christlichen Szene in Deutschland haben das Spiel mittlerweile getestet und sind begeistert: Der katholische Theologe Johannes Hartl spielt es, genauso die evangelikalen Rapper O’Bros, der Liedermacher Samuel Harfst oder der konservative Pastor Waldemar Justus. Auch Daniela-Marlin Jakobi, eine eher kritische Freikirchen-Aussteigerin, findet das Spiel wertvoll und sowohl der SCM Verlag sowie das christliche Pro Medienmagazin haben es getestet – und sind begeistert.

Das Spiel begeistert Gläubige und Nicht-Gläubige aus allen Generationen.
Ist es nicht respektlos, über die Bibel zu lachen?
Im Gegenteil. Ich finde, es ist ein Zeichen von Respekt, sich ehrlich mit der Bibel auseinanderzusetzen. Sie ist kein frommer Kalenderspruch, sondern ein vielstimmiges, komplexes Buch mit echten Widersprüchen. Das Spiel nutzt Humor und anstößige Übertreibungen, um genau das sichtbar zu machen. Dabei sind anstößige Übertreibungen selbst ein sehr biblisches Mittel: In 2. Könige 2 etwa lässt ein Prophet zwei Bären los, die eine Gruppe Kinder zerfleischen, weil sie ihn “Glatzkopf“ genannt haben. Jesus sagt an anderer Stelle, man solle Vater und Mutter hassen, wenn man ihm nachfolgen wolle (. An solchen Stellen spielt die Bibel mit heftigen Übertreibungen, um Menschen wachzurütteln. Genauso arbeitet auch dieses Spiel.
Wie hat das Ganze angefangen?
Ich war im August 2024 auf einem Festival eingeladen, bei dem viele Leute aus der christlichen Szene sein würden – also hab ich gedacht: Das ist die Gelegenheit, die Spielidee in der Praxis zu testen. also hab ich innerhalb von zwei Wochen einen kleine Testversion entwickelt und 25 Exemplare drucken lassen. Die lagen da und ich hab beobachtet, wie die Leute das spielen. Alle waren begeistert. Danach hab ich ein Crowdfunding gestartet und innerhalb kurzer Zeit 1.000 Vorbestellungen gesammelt, um die erste Produktion zu finanzieren. Kurz vor Weihnachten wurde die erste Auflage verschickt – und dann ging’s richtig los.
Und heute?
Gibt’s das Spiel direkt im Shop auf www.cardsforchristianity.de